Variationen des Verloren-Gehens

Ulrike Almut Sandig: Buch gegen das Verschwinden. Frankfurt a.M.: Schöffling & Co., 2015.

Das Verschwinden hat unzählige Gesichter: Sich davonstehlen, verschütt gehen, aus der Welt sein, sich aus den Augen verlieren, Kontakt abbrechen. In ihrem Erzählungsband spürt Sandig einigen dieser Facetten nach. Die Absolventin des Leipziger Literaturinstituts legt mit Buch gegen das Verschwinden ihr zweites Prosawerk vor. Und das hat es in sich.

In sechs Geschichten umkreisen die Texte den menschlichen Verlust: Eine junge Familie büßt ihren langjährigen Freund ein. Ein alter Mann trauert um seine Lebensgefährtin. Der junge Journalist sinniert über seine Lebensentscheidungen. Ein junger Familienvater wird zum Pflegefall. Der Schweizer Bergführer geht auf einer Schneewanderung verloren. Und eine Oma reist mit ihrer Enkelin zum Ende der Welt, um den Eltern der Kleinen etwas Ruhe zu gönnen. So einfach sich die Paraphrasen der Geschichten in einen Satz fügen, so komplex ist die Struktur des Buches angelegt. Es handelt sich nämlich um mehr als ein Kompendium von Prosatexten mit einem vagen Thema; vielmehr besticht der Band durch eine große Kohärenz, auf textueller wie auf struktureller Ebene.

Den sechs Geschichten ist ein siebter Text, der den Namen Sonntag trägt, nachgestellt. Er ist in einer kleineren Type gesetzt und präsentiert sich als Kommentar zu den vorangegangen Erzählungen, mal knapp, mal ausführlich. Jede dieser Metatexte lässt sich ignorieren, ohne die betreffende Erzählung hermetisch zu machen, erhellt oder vertieft zumindest das Verständnis – insofern hat Sandig eine gelungene Illustration von Literaturwissenschaft geliefert.

Auch die einzelnen Erzählungen sind bemerkenswert. Der Ton ist überwiegend nüchtern, klar und schnörkellos, gleichzeitig jedoch einfühlsam und poetisch. Die persönlichen Schicksale der ProtagonistInnen werden detailliert dargestellt, die Kämpfe, Ängste und Wünsche der Figuren stehen den Lesenden vor Augen. Doch wird der literarische Anspruch keineswegs von einer voyeuristischen Neigung der Erzählinstanz überdeckt: Jeder Charakter hat seine Geheimnisse. Das spiegelt sich auch darin wider, dass nur wenige Figuren einen Namen tragen. In der titelgebenden Geschichte wird dieser Umstand legitimiert:

„Um wen genau es sich hier handelt, spielt keine Rolle. Es könnten Freunde oder Verwandte von uns sein, Paare wie dieses gibt es wie Sand am Meer, und Kinder ebenso. (S. 11)“

Die Autoreflexion wird noch deutlicher, als eine sich eine Ich-Figur, die sich als Erzählinstanz entpuppt, zu Wort meldet:

„Aber muss es so aufhören? Wenn wir schon im wirklichen Leben nichts wiedergutmachen können, warum dann nicht in den Geschichten, die wir uns später erzählen?“ (S. 32)

Sandig taucht, außer in dieser Erzählung, noch einmal selbst als Figur auf. In Über unsere Abwesenheit ist sie

„Deine Urgroßmutter. Wir tragen ihren Namen, du und ich, die Kleine natürlich auch. (…) Hier ist unser Name nichts als eine bunte Hülle, gefüllt mit Luft. Niemand, der ihn hört, muss an die blasse Erde im Erzgebirge denken, auf der nichts wächst (…) (e)ine sandige Erde“ (S. 186)

Das doppelte Hervortreten der Autorin-Figur schließt eine Klammer um die Erzählungen, die außerdem durch andere Motive zusammengehalten werden. So beschwert sich derVater zu Beginn, dass die Figuren seiner Schriftsteller-Tochter „einander unaufhörlich und ohne jeden triftigen Grund“ verlassen (S. 33). Auch die Protagonisten zweier anderer Geschichten lesen Texte, in denen ebendas geschieht. Und wie um den Vater zu bestätigen, findet in der Geburtstagsgeschichte eine solche Trennung statt, plötzlich und ohne jeglichen Grund.

Neben dem gelungenen roten Faden, der sich anhand von Thema und wiederkehrenden Motiven durch das Buch zieht, ist es die Einfühlsamkeit, welche den Ton der Erzählungen ausmacht. Trotz mitunter unerhörten Vorgängen werden die Figuren nie an den Pranger gestellt oder verlacht, sondern mit ihren Gedanken, Fehlern und Ängsten immer ernstgenommen.

Ulrike Almut Sandig ist mit dem Buch gegen das Verschwinden der gewagte Versuch geglückt, persönliche Schicksale distanziert und doch nahbar darzustellen. Der mitunter melancholische Stil ist nicht frei von komischen Momenten, wird seinen Figuren gerecht und ist niemals unangemessen. Neben dem Identifikationspotenzial der ProtagonistInnen ist es die durchdachte Struktur des Bandes, die ihn zu einem großen Lesevergnügen macht.

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